Kukeri und Survakari (german)



by Dimo Dimov

(Bilder im nächsten Artikel)

Bulgarische traditionelle Feste und Brauchtümer werden seit einer geraumer Zeit, nach Ihrem historischen Entwicklungszenit, immer mehr vernachlässigt und sind als ein hermetisches System beinahe dem Untergang geweiht. Die entscheidenden Faktoren ihres Verlustes als ein ethnographisches System sind die sog. Sozialistische Revolution, die Industrialisierung des bulgarischen Staates sowie die Kollektivierung der Landwirtschaft in der Periode 1944 – 1989. Der Auflösungsprozess wütete zuerst und ganz besonders bei diesen Festen und Bräuchen, die von der christlichen Weltanschauung der traditionellen Bevölkerung akzeptiert und übernommen wurden oder direkten Einfluss auf die produktive Landwirtschaft hatten in Form von magischer und ritueller Arbeit, die Ernte und Arbeitskräfte zu erhalten und zu bewahren. Doch Beobachtungen zeigen, dass eben diejenigen Sitten und Bräuche, Traditionen und Feste am meisten resistent sind gegen den Auflösungsprozess, sich also sehr widerstandfähig erwiesen haben, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem Christentum stehen, die über eine völlig verschiedene Charakteristik und einem dem Christentum artfremden Kanon verfügen.
Unter diesem ethnographischen Typus sind ganz klar die Kukeri und Survakari einzuordnen, die bereits seit Jahrhunderten zu den beliebtesten Volksfesten gehören.
Seit dem Ende des bulgarischen Kommunismus erlebt die ethnographische Welt eine kleine Renaissance. Die Beziehung der Bevölkerung zu ihrem kulturellen Vermächtnis und ganz besonders zu den Kukeri und Survakari entspringt dem durch den Auflösungsprozess bedingtem, neuem geschaffenen Bewusstsein, das sich entschieden gegen die Vereinheitlichung, gegen die spirituelle Entwurzelung sowie gegen die Entzauberung der Welt stellt.
Die ersten Zeugnisse auf bulgarischem Gebiet für diese bestimmten Tänze und Spiele, die den Kukeri (Kukerski Igri – Perchtenspiele) entsprechen würden, und bei solchen die Interpreten Masken und Tierfelle tragen, stammen aus dem Frühmittelalter / VI – VII Jh./ in der Region Silistra an der Donau, festgehalten von dem thrakisch-christlichen Märtyrers Dasius, dessen Aufzeichnungen von Fr. Cumont in 1897 herausgegeben wurden /Analecta Bollandiana, XVI, Seiten 5 – 16/. Diese Spiele konnten sich bis in die heutige Zeit erhalten, trotz massiver Versuche und Vorwürfe seitens der byzantinischen und später der orthodoxen Kirche diese Tradition als Satanismus, Aberglaube und phallisch – orgiastische Rituale abzustempeln und zu verbieten. Der nächste Tiefpunkt bulgarischer Tradition wird erreicht, als das Osmanische Reich von 1396 – 1876 ganz Bulgarien annektiert und besetzt. Die freiheitliche Bewegung, die patriotisch-romantische Revolution im XIX. Jahrhundert leiten eine ethnographische Renaissance ein, die in vielen Publikationen dargestellt wird wie z.B. die seit 1889 alljährliche erscheinende „Sammlung der Volksweisheiten“ oder die Eröffnung des ersten ethnographischen Museums in 1906.
Die Kukeri und Survakari stehen also für eine archaisch-paganistische Weltanschauung, die das ewige Rad und Lebenskreis der Natur vereint – Geburt, Blüte, Tod und Geburt. Bräuche und Spiele, die der Stimulation und Anrufung von Fruchtbarkeit, Gesundheit und Lebensfreude in allen Bereichen des landwirtschaftlichen, persönlichen und gesellschaftlichen Lebens dienen.

Die Inhalte der Spiele der Kukeri und Survakari werden besonders im XIX. Jahrhundert erforscht. Trotz einheitlicher heidnischer Weltanschauung und Ethnophilosophie herrscht eine reiche Vielfalt in den verschiedenen Regionen Bulgariens vor (Berglandschaft – Ebenen, Plateaus). Wie bereits erwähnt wird der Ritus der Spiele in Kukeri (Kukerski Igri) und Survakari (Survakarski Igri) aufgeteilt. Diese Teilung ist abhängig von:
dem ethnographischen Kalender
der regionalen Eigenheit
KUKERI
Zeitperiode: 18. Februar bis zur ersten Märzwoche (Beginn des österlichen Fastens)
Regionen: Süd- und Ostthrakien, Südbalkan und Rhodopen, Nordostbulgarien
SURVAKARI
Zeitperiode vom 25. Dezember bis 6. Januar, die sog. „Schmutzigen Tage“ - man nimmt an, dass zu dieser Zeit unheilige und unreine Kräfte am Werk sind, so dass viele Brunnen erst mit Weihrauch und Misteln „geheilt“ werden müssen (ins Deutsche übertragen könnte man auch „Raunächte“ sagen).
Am 31. Dezember findet die Surva statt (dazu später).
Regionen: Mittelbulgarien, Mazedonien, Südwestbulgarien
Die Übergangsgebiete beider Typen sind die Regionen Panagyurishte und Pazardzhik wo je nach Kalender BEIDE Rituale durchgeführt werden.
Die Kukerispiele und Bräuche, die während der sog. Sirnitsa, der letzten Februarwoche, durchgeführt werden sind reicher an Requisiten und ritueller Dramatik, so dass wir sie als erstes beschreiben wollen.
Es sind mehrere Bezeichnungen bekannt, wie im Einzelnen die Kukerspiele benannt werden. Dazu unterscheidet man:
den Tag, an dem die Spiele stattfinden:
Kukerovden, Kukovden, Kuklinden, Startshovden (Tag der Alten), Djumalovden, Pesi Ponedelnik (Hundemontag)

die Teilnehmer der jeweiligen Spiele und Rituale:
Kukeri, Kukove, Startsi (die Alten), Startshinari, Stantshinari, Djamali, Kamilari, Arapi, Dervishi, Maskari, Drakusi, Pesyatsi und Baburtsi

die Benennungen der teilnehmenden Tiercharaktere:
Kamila (Kamel), Djamal, Djumal, Rogatsh (Gehörnter – vielleicht äquivalent zu dem Wolpertinger?)


So gibt es auch hier äquivalente Teilnehmer zu alpinen Traditionen wie z.B. Bärentreiber, Rosstäuscher oder Waldmandl. Nach all diesen Bezeichnungen haben jedoch die Kukeri den bedeutendsten Namen und Bekanntheitsgrad, aufgrund ihrer weiten Verbreitung in Thrakien (Süd-/Zentralbulgarien) und auch wegen der Tatsache, dass dieser Typ maskierter Spiele als erster in den Chroniken auftaucht.
Die Rituale werden zu Beginn des österlichen Fastens organisiert, manchmal dreimal wöchentlich und enden am Sirna Nedelya (Schwarzsonntag des ethnographischen Kalenders) oder am Hundemontag. Die Kukeri sind ausschließlich eine Männertradition. Die Teilnehmer sind immer nur ledige oder frisch verheiratete Männer, die besondere Eigenschaften besser aufweisen, wie Kraft, Ausdauer und psychische Belastung, aufgrund des unglaublichen Lärms und der dramatischen, drastischen Momente während den sehr dynamischen Spielen. Oft werden die bulgarischen Perchtenläufe nur von bestimmten Familien oder Clans einzelner Dörfer durchgeführt.
Das Kukeriritual, das Kukerispiel, der Kukerilauf sind zwar einheitlich, natürlich mit großer Vielfalt nach den regionalen Besonderheiten geschmückt, unterscheiden sich aber grundsätzlich durch zwei besondere Rituale:
rituelles Pflügen und Säen der Felder (Ost-, Südostthrakien, Zentralbulgarien und Nordostbulgarien)
Ein oder mehrere Hauptkukeri (Startsi, Djemalyotsi – die Alten) führen den Zug an der aus den folgenden Charakteren besteht:
Kukerska Baba, Großmütterchen, die von einem Starets – einem Alten – einem Dyado – Großväterchen – einer Bulka und einem Zet – Braut und Gatte – und einigen Pärchen frisch Verheirateter begleitet wird. Desweiteren folgen ein Zar (König) und sein Gefolge, Quacksalber und manchmal auch Haratshari (Steuereintreiber) oder Esel, das die Geschenke und Gaben einsammelt und trägt.
bei der zweiten Variante fehlt das Ritual des Pflügens uns Säens, doch stattdessen ist hier das Kamel- und Bärentreiben von Bedeutung, sowie die rituelle Reinigung, das „Bad“ der Kukeri (Zentralbalkan, Thrakien)
In einigen Regionen wiederum werden beide Rituale durchgeführt.
Die Masken der Kukeri
Zu den archaischsten Gewändern gehören Ziegen-, Schaffs- und Rehfelle, bei denen die Masken Ziegenböcke, Widder und Ochsen darstellen oder auch menschliche Züge und düstere Fratzen mit tierischen Elementen vermischen wie Hörner, Ohren, Zähne, Federn (wie alpine Schiachperchten).
Mancherorts werden noch zusätzlich Frauengewänder und lange Frauenumhängen mit Fransen angezogen. Jeder Kuker trägt einen Säbel, Topuz (Knüppel), Pomet (ein langer Stock mit einem Tuch umwickelt, um Herde und Öfen zu reinigen), Klyunk oder Gega (Hirtenstäbe). In älteren Überlieferungen wird beschrieben, wie der Hauptkuker mit einem riesigen, roten Phallus bewaffnet ist. Das wichtigste Requisit sind jedoch die unzähligen Glocken in allen möglichen Variationen (von winzigen Kupferglocken bis zu den riesigen Silberglocken – von sanftem Geläut bis zu ohrenbetäubendem Gebimmel). Der Perchtenlauf selbst besteht aus Gehüpfe, Gehoppse, schnellem Lauf, Tänze mit strenger ritueller Choreographie bis hin zu langsamen Schleichen, bis wieder das Dorf in Höllenlärm oder wunderschönen Melodien versinkt.
Die Rollenverteilung im Perchtenlauf – jedem Kuker wird ein Charakter zugewiesen, daher auch die verschiedenen Benennungen – erfolgt folgendermaßen:
Die Rollen der frisch Verheirateten und Verliebten – Bulka und Zet – übernehmen jüngere Männer, die keine Masken tragen, sondern Hochzeitsgewänder tragen (Schönperchten), die der regionalen Trachtenfolklore entsprechen. Die Bulka, die Braut ist stark rot-weiß überschminkt und trägt ein Kind aus Lumpen, Holz oder Kürbis. Das Großmütterchen, oder Zigeunerin, ist ein Mann in zerlumpten Frauenkleidern. Sie trägt das Kind öfter als die Braut, manchmal aber auch nur eine Katze. In der anderen Hand hält sie eine Spindel und webt, wenn der Zug haltmacht. Um diese jedoch mit der Frau Perchta zu vergleichen sind die geographischen und historischen Unterschiede zu groß. So könnte man dennoch thrakischen Fruchtbarkeitskult vermuten (äquivalent zur griechischen Demeter).
Der Tsar, durch einen Bauern dargestellt mit lautem Geschelle, Gebimmel und Gerassel, das er an seinem Gewand trägt, außerdem mit Umhang und einem riesigen weißen Bart. Er raucht eine Pfeife aus Mais oder hält einen dicken Stab mit einem harten Ende, um Dieben und Strolchen Schmerz zuzufügen. Das maskierte Tsarengefolge stellt Zigeuner, Arapen und türkische Banditen dar, alle mit aschegeschwärzten Gesichtern und mit schwarzen Tüchern und Lumpen bekleidet, mit Späten, Ketten, Pfeil und Bogen bewaffnet und bewerfen mit Asche das umher stehende Publikum.
Weitere, seltenere Charaktere sind der Pope, der die Verheirateten begleitet, ein Doktor, der bei Bedarf „heilen“ kann, ein Barbier, von dem sich die Männer im Dorf freiwillig oder gezwungen rasieren lassen. Desweiteren noch einige Possenreißer, Kinderschrecke, Vogelscheuchen, die mit Mehl bedeckten Gesichtern, Körbe auf dem Kopf tragen, sich mit getrockneter Paprika (äußerlich nicht sehr weit vom Zapfenmandl entfernt), Vogelfedern oder „Kettenhemden“ aus Bohnen oder Kürbiskernen schmücken und das Ende des Zuges bilden. Sie schreien, spielen verrückt und stehlen etwas von den Dorfbewohnern (geben es anschließend aber zurück), jagen und erschrecken die Kinder und belustigen das Volk.
Die erste Besonderheit ist der „Lauf ums Dorf“ – eben der Perchtenlauf, bei welchem die Kukeri jedem Dorfbewohner Glück und Gesundheit wünschen, deren Geschenke annehmen und anschließend das rituelle Pflügen und Säen durchführen (meistens am Marktplatz).
Die Vorbereitung der Kukeri, das Ankleiden und Maskieren erfolgt einen Tag vor dem Lauf an einem geheimen Ort außerhalb des Dorfes. Bei Sonnenaufgang marschieren sie los, geführt von dem Hauptkuker oder dem Großmütterchen, und besuchen jedes einzelne Haus, bevor sie mit dem eigentlichen Perchtenlauf beginnen.
Es gibt sehr viele magische und symbolische Rituale:
Das Brautpaar tritt in jedes Haus. Die Braut verbeugt sich, küsst die Hand des Hausherrn, gibt ihm ein Tuch, in das er ein Geschenk wickeln soll. Währenddessen nehmen die Kukeri einfach alles, was ihnen gegeben wird – Mehl, Käse, Lauch; und wenn sie einen „Esel“ haben, sprechen sie die berühmten Worte: „Lasst den Esel nicht lange schreien!“ Oft stehlen die Vogelscheuchen Eier aus dem Hühnerstall. Das Großmütterchen bettelt von Haus zu Haus um eine Gabe für ihr „Kind“. Daraufhin wird sie manchmal von den Bewohnern entführt und versteckt – das Entführen der Baba, die den Anfang der weiblichen Fruchtbarkeit symbolisiert und auch der „Vormund“ der Kukeri ist, bewirkt, dass nun alle Kukeri eifrig nach ihr suchen, und alles durcheinander schmeißen und schlagen, bis sie sie gefunden haben. Der Hauptkuker spricht seinen Segen für eine erfolgreiche Ernte und für niedrige Preise aller anderen landwirtschaftlichen Produkte (Wolle, Getreide, Wein, Mais). Manchmal hebt er Kinder in die Höhe und schlägt den Bewohnern auf den Buckel, auf das sie gesund bleiben durch das folgende Jahr. Die Bewohner geben den Kukeri Wein und beim Abschied vollführen diese einen runden Tanz mit wilden Sprüngen und schellenden Glocken, damit das Korn auch „hoch wächst“.
Manchmal besuchen die Kukeri alle zur Heirat bestimmten Frauen im Dorf. Diese Kukeri tragen nach oben spitz zulaufende Masken und Frauenröcke. Sie sprechen zu ihnen: „Gebt mir doch den Halbmond, hey!“ und die Meid muss dem Kuker – ihrem Auserwählten und Verlobten – einen Halbmond aus Zweigen umhängen.
Die Haratsharen fesseln Männer mit Ketten und fordern Lösegeld, um sie freizulassen; der Barbier „rasiert“; der Hauptkuker zeigt auf die Frauen mit seinem hölzernen Phallusstab und imitiert den Geschlechtsakt mit dem Großmütterchen.
Daraufhin versammeln sich alle Kukeri zum wilden und ohrenbetäubenden Tanz – Kukersko Horo.
Das Säen und Pflügen bildet dann den Höhepunkt der Kukerspiele.
Am Nachmittag, nach dem Lauf, strömt das gesamte Dorf unter dem Geläut der bunten und wilden Kukeri zum für dieses Ritual ausgesuchten Platz. Nun taucht der Tsar auf. Mit Verbeugungen und Huldigungen heben ihn die Kukeri auf einen geschmückten Wagen, den sie bis zum bestimmten Ritusplatz schieben. Für den Tsaren wird eine Tafel gedeckt, warmes Brot, gebratene Eier und Wein.
Danach „bespannt“ er die Kukeri mit dem Pflug und sie ziehen über den Acker. Dreimal ziehen die Kukeri zu stark an, damit der Tsar auf den Boden fällt, doch er richtet sich immer wieder auf.
Wenn der Tsar dann das rituelle Säen durchführt, versuchen die Kukeri ihn wieder zu Fall zu bringen und wieder richtet er sich mit den Worten auf: „Das winzigste Korn soll so sein wie ich – aus einem werden tausende!“, oder: „Soll Gott uns Glück geben, viel Korn und Kinder noch mehr!“. Auch fallen viele unverschämte aber segenvolle Sprüche über die Fruchtbarkeit der Frauen, auf das die Erde auch fruchtbar sei. Als er fertig ist, rollt er den leeren Saatbehälter auf den Boden – falls er nach oben offen ist, wird es eine gute Ernte geben. Dies verkündet auch der Hauptkuker mit donnernder Stimme.
Ein weiteres, weniger bekanntes Ritual ist das „Kamelspiel“ und das rituelle „Bad“. Der Hauptkuker führt zehn weitere an, Startsi, Djamali und Derwische. Hier wird das Pflügen und Säen nicht durch den Tsaren durchgeführt, sondern durch das „Kamel“ oder dem „Gehörnten“. Mehrere Männer tragen das riesige Gerüst (2m hoch und 6m lang), das mit Leder und Fellen und zahlreichen Glocken bedeckt ist. Man sieht also, dass die Kukeri sehr paradoxe Charaktere sind; sie sind zwar positive, glücksbringende Gestalten, jagen und “terrorisieren” aber die Dorfbewohner.
DIE MASKEN
Die bulgarischen Perchtengewänder und –masken sind zoomorph-anthropomorph aus langem Ziegen oder Schafsfell. Die Maske stellt ein gehörntes Tier dar, mit bösen und sarkastischen, menschlichen Gesichtszügen. Die Perchten sind mit Stäben und Säbeln bewaffnet, manchmal auch mit Ketten. Oft tragen sie Martenitsi (rot-weiße Fransenbüschel), Mistelzweige und unzählige Glocken.
Das Ritual der Kukeri kann man in zwei Teilen gliedern:
Perchtenlauf (ums gesamte Dorf)
Rituelles Pflügen und Säen
Ganz selten wird auch das folgende Ritual in Zentralbulgarien (Kazanluk, Karlovo) durchgeführt: Während des Perchtenlaufes versucht ein als Pferd oder Esel verkleideter Mann die Frau oder Tochter eines Hauses zu stehlen. Der Mann oder Vater versucht den „Dieb“ abzuwehren, was den Sieg über Krankheiten, Tod oder Unglück symbolisieren soll.
Das Ende der Kukerspiele wird meistens am Sonntag, aber auch am Montag, am Pesi Ponedelnik, dem Hundemontag durchgeführt, um Tollwut und böse Geister abzuwehren – Hunde werde an Stöcken und Seilen emporgehoben und in der Luft gedreht.
SURVAKARI
Die andere Variante der maskierten Spiele und Traditionen sind die Survakari, die in der weihnachtlichen Zeit, in den Raunächten auftreten. Man kann sagen, dass eben nicht die Kukeri, sondern wohl eher die Survakari den alpinen Perchten entsprechen.
Die einzelnen Benennungen der Survakari sind:
Survaskare, Suroviskare, Vasilitshari, Startsi, Koledjane, Djamalare, Metshkari, Baburtsi, Eshkari.
Auf dem ersten Blick gibt es sehr viele Ähnlichkeiten zwischen den Kukeri und Survakari:

Die Charaktere (Starets, Dyado, Djamalar und Baba, die den Zug anführen)
Die Requisiten (Glocken, Ruten, Stäbe, Tierfelle)
Bei den Survakari, genauso wie bei den Kukeri, trägt der eine Teil der Teilnehmer Tiermasken. In manchen Fällen sind die Kostüme eine Mischung aus tierischen und vogelähnlichen Elementen. Auch hier sind die Teilnehmer bewaffnet (Phallus, Säbel, Keulen) und auch hier sind die Glocken das tragende rituelle Element. Doch bedeutend ist hier auch die Rolle der Surovkarka – ein langer Hirtenstab, auf dem Gaben wie Schinken, Wurst und Speck aufgespießt werden.
Die Spiele sind gekennzeichnet mit dem Lauf ums Dorf. Dieser beginnt immer um Mitternacht vor Weihnachten, Neujahr oder dem 6. Januar und endet erst nach 2-3 Tagen. Die Survakari versammeln sich im Haus ihres Anführers und beginnt ihren Lauf mit Rufen, Geschrei, Gebimmel und Gerassel. Gewöhnlich werden sie bereits in den anderen Häusern von den Einwohnern erwartet, doch wenn jemand nicht öffnet, kommen sie stürmend herein. Mit „Gott helfe“ begrüßen Sie den Hausherrn und lassen sich von den Mägden die Hände küssen. Oft albern sie herum und unterhalten das Volk, das Großmütterchen und der Dyado simulieren manchmal auch den Geschlechtsakt. Diese phallischen Andeutungen sind ein bedeutendes dionysisches/thrakisches Fruchtbarkeitssymbol. Danach singen sie Lieder für die Gesundheit und das Glück der gesamten Gemeinde. Die Hausherren laden sie daraufhin zum gemeinsamen Mahl ein. Die Survakari antworten dann oft: „Gut tust du daran!“, und: „Gott soll euch geben tausend Ochsen, tausend Schafe, tausend Ziegen, …etc.“.
Je nach Region treten einige Besonderheiten auf:
Die Djamalaren schmücken die Braut mit Kränzen, bringen sie zu Fall und springen einige Male über sie hinweg. Dann simuliert der Dyado oder ein Starets den Geschlechtsakt mit dem Riesenphallus, die restlichen Survakari stellen sich im Kreis auf, bellen, quietschen und wiehern.
In manchen Dörfern zünden die Survakari große Heubüschel an, um die Bienen und Pflanzen zu huldigen.
Sowohl die Survakari, als auch die Kukeri entspringen demselben dionysisch-thrakischen Fruchtbarkeitsideal.
Gefährlich wird es nur dann, wenn zwei oder mehrere maskierte Gruppen zu demselben Ritus in derselben Ortschaft zusammentreffen – das bringt Unglück, Pest, Dürre und Tod, deswegen ist eine genaue Koordination zwischen den einzelnen Gruppen sehr wichtig. Doch das Problem kann wie folgt gelöst werden:

Die beiden Gruppen tauschen Geschenke aus
Jede Gruppe versucht das Großmütterchen der Anderen zu entführen – dies hat in der Vergangenheit oft zu blutigen Schlägereien geführt.
Der äußerlich bedeutendste Unterschied sind die Masken der Survakari. Diese sind nicht oft keine Tiermasken, sondern eher der Fratzen der ländlichen Dämonologie oder folkloristische und reich verzierte und bunte Masken, teilweise mit hohem Gestelle, an dem verschiedenster Schmuck (Spiegel, Fransen, Tücher, Felle) befestigt ist. Die häufigste Erscheinungsform der Survakari ist, wenn sie gänzlich mit Tierfellen, deren Haare sehr lang und fransig sind, bekleidet sind. Dabei tragen sie keine Masken, das Gesicht ist mit Fell zugedeckt – es bleiben nur zwei Augenöffnungen, sowie die Silhouette der Nase. Diese Kostüme sind sehr hoch und spitz, kegelförmig.
Das wichtigste rituelle Merkmal der Survakari und somit der eigentliche Unterschied zu den Kukeri ist die Survatshka und das damit verbunden Ritual des Survakavane. Rutenbündel aus Zweigen, Heu und Stöcken, meistens werden Mispel, Apfelbaum, Weide oder Pappel bevorzugt, werden so geformt, dass eine Art Schläger entsteht – die Silhouette ist also gitarrenförmig. Diese Survatshka ist mit vielen folkloristischen Textilien, auch mit kleinen Glocken und Martenitsi, geschmückt – die Länge beträgt zwischen 40cm und 100cm. Die Surva, das zugehörige Ritual findet am 30. Oder 31. Dezember, also vor Neujahr statt. Nach jedem Hausbesuch klopfen die Survakari zum Abschied allen Hausbewohnern, und besonders den Kindern, mit der Survatshka leicht auf den Rücken und sprechen ihren Segen aus, damit er „gestärkt werde“. Dieses Ritual soll Gesundheit und Glück im neuen Jahr bringen.


DIE MASKEN DER SURVAKARI
Die Masken der Kukeri und Survakari sind der wahre Ausdruck folkloristischer Ästhetik, Volksdämonologie, Aberglaube und Spiritismus. Deswegen werden wir nun versuchen einige typische zoomorph-anthropologische Masken zu beschreiben.
Die Masken in Ost- und Südostthrakien werden Gugla, Kyulefa und Katshulka genannt – Ochse, Widder, Ziegenbock oder Vogelkopf (damit könnte der Schnabelpercht gemeint sein). Das Hauptmaterial sind Felle und Leder. Die Nase und Zunge sind oft ein roter Stoff oder einfach rote Paprika. Die Bärte und der Schnauzer (der schwarze/weiße Schnauzbart ist sehr üblich für die Balkanregion) sind aus Ziegenfell oder Rosshaar und auf dem Kopf werden Hörner befestigt. Manchmal werden auch die Gesichtszüge mit bunten Fransen, Büscheln, Perlen, Fäden und Knöpfen oder auch kleinen Spiegeln nachgestellt. Oft ragen zwischen den Hörnern trapezförmige Schirme in die Höhe, die auch mit allem möglichen folkloristischen Schmuck verziert werden.
Die Gugla aus Nordostbulgarien besteht aus zwei Teilen:
Der untere Teil bedeckt den Kopf – der obere sitzt auf dem unteren Teil. Letzterer besteht aus grobem Stoff oder Kaninchenfell, in das Öffnungen für Mund und Augen geschnitten werden; dazu eine lange Nase aus Karotten, Hörner aus Maisstengeln und ein Bart aus Ziegenfell oder Gockelfedern.
Auch die Startsi aus der Region Karlovo im Zentralbalkan weisen Besonderheit auf. Sie tragen die Katshulka oder den Obraz. Die erstere ist die mit Heu gestopfte spitz zulaufende Maske mit düsterer, bösartiger Physiognomie. Der Obraz hingegen stellt ein menschliches Gesicht dar; die Maske wird aus einem Drahtgestell gemacht, auf dem mit Farben und Fellen (manchmal auch Federn) das Gesicht stilisiert wird.
Die Region Sredna Gora zum Beispiel verzichtet fast gänzlich auf animalische Masken und setzt mehr auf anthropomorphe Züge.
Die Masken der Derwische und der Djumalen werden Kyulyaf genannt. Der Augenbereich ist brillenförmig, aus einem verschiedenen Stoffstück hergestellt, mit verschiedenen Fäden und anderem Schmuck brodiert. Die Derwische sind auch sonst an ihrem sehr zotteligen Fell gut erkennbar.
In Westbulgarien sind die Likove der Survakari sehr populär. Das sind breite, an Stecken und Latten aufgestellte Fächer/Flächen, auf denen Federn, Stofffetzen oder bunt angemalte Maisblätter angebracht sind.
Ganz besondere Verdienste hat Michail Arnaudov mit seiner ethnologischen und ethnographischen Arbeit hervorgetan. Er geht davon aus, dass die Maskentraditionen der Kukeri und Survakari, aber auch aller anderen Balkanländer, rein thrakischen Ursprungs ist, also das Fest des Dionyssios, des Gottes de Natur und Fruchtbarkeit. Die zeitliche Differenz der Kukeri und Survakari – Winter und Frühjahr – ist damit zu erklären, dass im heidnischen Kalender die Zeit von Weihnachten bis Ostern eine Einheit bildet und sich gänzlich den Freuden und Freiheiten des Volkes widmet.
Jeder dieser Perchtenriten hat eine direkte Verbindung zum Dionyssioskult:
Das Kukersche Ehepaar
Das Großmütterchen
Der phallische Ritus
Der „Tod“ des Tsaren und dessen „Wiedergeburt“
Auch die zoomorphen Masken und Kostüme können damit verbunden werden: die Tänze der Nymphen und Menaden und deren phallische Riten, das rituelle Säen und Pflügen als typischer dionysischer Brauch und der Tsar als Äquivalenz zum griechischen Vassilos, dem Zeremonienmeister der Akropolis. Diese thrakischen Einflüsse sind zwar entscheidend, bilden aber mit den späteren slawischen, altbulgarischen und byzantinischen Riten und Bräuchen die bulgarischen Perchtentraditionen, wobei noch unzähligen regionale Eigenheiten berücksichtigt werden müssen. Arnaudov glaubt auch, dass viele Besonderheiten und Details dieser Feste im Laufe der Jahre und der Christianisierung verloren gegangen sind.
Ein weiterer Ethnograph, Peter Petrov, ist der Begründer der These, dass die Kukeri und Survakari, unterschiedlichen Ursprungs sind. Die Survakari in Westbulgarien entsprechen der slawischen Komponente im bulgarischen Volkstum und werden mit der Jagd und Viehzucht verbunden. Wie bei den Slawen ist das Opferritual der Survakari sehr bedeutend: Nachdem die jungen Männer Tier oder Vögel erlegt haben, wird es mit dem gesamten Dorf gegessen – anschließend setzen die Jäger Masken, um für weiteres, erfolgreiches Jagen zu tanzen. Dagegen sind die Kukeri in Ostbulgarien ein altthrakisches, agrarisches Volkskarneval – eine Renaissance des Dionyssioskultes.
Andere sprechen wiederum hauptsächlich vom slawisch-heidnischen Veleskult. Der stierköpfige, gehörnte slawische Gott Veles tritt als heißblütiger, zorniger, jedoch gerechter Charakter auf, der sein Volk liebt und beschützt. Er ist sozusagen die Schutzgottheit der Bauern und Landbevölkerung. Er symbolisiert Fruchtbarkeit, Landwirtschaft, Erde, Ernte, ist aber vor allem Gott der Viehzucht. Da zahlreiche Kukeri Masken mit Hörnern tragen, könnte man dies auch als ein Symbol des Veles verstehen. Andererseits wird aber auch von manchen Ethnologen Veles mit Dionyssios gleichgesetzt.
Was zählt ist eine bedrohte Tradition zu erhalten, der Wunsch einer Perchtenrenaissance, wie in manchen alpinen Regionen, oder wie die litauischen Uzgavenes, nach einer Periode des kulturellen Zerfalls, nun wieder im Volkstum integriert und für die nächsten Generationen als kulturprägenden Folkloreschatz bewahrt.

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